Das Studium der Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule in Dresden Ende der 1980er-Jahre

von Nicole Köhler und Katharina Steffen

Welche Strukturen, welche Besonderheiten wies das Lehramtsstudium im Fach Kunst zum Ende der DDR hin speziell an der pädagogischen Hochschule in Dresden auf? Gab es staatliche Einschränkungen hinsichtlich der schöpferischen Individualität? Studierende und Dozent/-innen erinnern sich auf ihrem gemeinsamen Seminargruppentreffen und berichten von ihren individuellen Erlebnissen sowie Eindrücken, um eine private Sichtweise auf die Umstände dieser bewegten Zeit zu vermitteln.

In der offiziellen Kulturpolitik der DDR wurde Kunst als „‚symbolische Lösung‘ gesellschaftlicher Widersprüche angesehen“ (Grundmann 2012), die das marxistisch-leninistische Geschichtsverständnis illustrieren und der „moralischen, politischen und ästhetischen Erziehung der ostdeutschen Bevölkerung im Sinne der herrschenden Weltanschauung“ (Grundmann 2012) dienen sollte. Interessant zu betrachten ist, wie weit der Einfluss der Kulturpolitik der DDR hinsichtlich des Studiums der Kunsterziehung reichte.

Gesellschaftliche und politische Dispositionen
Die deutsch-deutschen Beziehungen wurden trotz ideologischer Diskrepanzen nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages 1970 auf ein neues Niveau gehoben. Der Vertrag bewirkte eine Liberalisierung der DDR-Kulturpolitik und führte zugleich eine Rezeption der Moderne in der DDR herbei. Dadurch waren die „fortschrittlichen Kunstbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts – und die zeitgenössische ‚Westkunst‘ “ (Grundmann 2102) auch den DDR-Bürgern zugänglich. Der staatliche Kunsthandel in der DDR hatte nicht nur das Ausstellungs- und Verkaufsmonopol für Bildende Kunst im Inland inne, sondern vertrat mit alleinigem Anspruch die DDR-Künstler/-innen im Ausland, wodurch das Ausstellungsprofil der Galerien maßgeblich beeinflusst wurde. Aufgrund der fehlenden Ausstellungsmöglichkeiten ergriffen nicht etablierte Künstler immer wieder die Initiative, ihre Arbeiten in privaten Räumlichkeiten zu präsentieren, wodurch sie die Kunstszene der DDR belebten (vgl. Grundmann 2012).

Studienablauf an der pädagogischen Hochschule in Dresden
Von 1952 bis 1990 war es an der Pädagogischen Hochschule „K.F.W. Wander“ in Dresden möglich, ein Studium der Kunsterziehung zu absolvieren. Als Aufnahmevoraussetzung für das Studium an einer Hochschule mussten die Studienbewerber/-innen ihre gesellschaftlichen Aktivitäten nachweisen, die durch die „demokratischen Organisationen“ (Goeschen 2001, 44) in Art und Umfang bestätigt wurden. Für die Zulassung zum Fach Kunsterziehung war ein Nachweis der bestandenen Eignungsprüfung notwendig, die unter anderem aus der Präsentation einer Mappe mit eigenständig angefertigten künstlerischen Arbeiten bestand. Das Studium basierte im künstlerischen Kontext auf dem sozialistischen Realismus und bediente sich in der Erziehungstheorie und -praxis der Grundlagen des Marxismus-Leninismus. Innerhalb des Studiums der Kunsterziehung wurde der Schwerpunkt auf folgende Lehrgebiete gelegt: Kulturpolitik und Ästhetik, Grundlagen der Gestaltung und Rezeption, Kunstgeschichte, Bildende Kunst, angewandte Grafik, Methodik der Kunsterziehung und Umweltgestaltung. Das Ziel der Ausbildung bestand darin, „die besonderen, unersetzbaren Potenzen der bildnerischen Aneignung in wachsendem Maße für die sozialistische Persönlichkeitsausbildung zur Wirkung zu bringen.“ (Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“, o.J.). Nach dem 5. Studienjahr wurde das Lehramtsstudium mit einem Diplom abgeschlossen, wobei das letzte Studienjahr für das große Schulpraktikum verwendet wurde, in welchem keine Ausbildung an der Hochschule stattfand.
Heike K., von 1986−1990 Studentin an der Pädagogischen Hochschule „K.F.W. Wander“ in Dresden, beschreibt den Studienablauf an der Hochschule als „recht verschult“ (Interview mit Heike K., geführt von Nicole Köhler), im Gegensatz zur Universität: „Die Erstsemester stiegen, wie […] heute noch üblich, früher in das Semester ein. Wir mussten an der sogenannten Roten Woche teilnehmen. Dies war eine Einführungswoche, die aus rein politisch orientierten Veranstaltungen bestand. Dort haben wir unseren Stundenplan bekommen. […] Der Studienablauf war recht komprimiert, Freistunden zwischen einzelnen Veranstaltungen gab es nicht.“ (Interview mit Heike K., geführt von Nicole Köhler).

Ausgewählte Ziele und Inhalte des Studiums
Andreas T., von 1983−1987 Dozent für Malerei an der Pädagogischen Hochschule „K.F.W. Wander“ in Dresden, erklärt, dass anfänglich immer gewisse Konflikte zwischen den Dozent/-innen und den Studierenden bezüglich deren Vorstellungen, mit denen sie ein Kunststudium begannen, aufkamen. „Sie hatten sehr verkunstete Vorstellungen, ohne zu begreifen, wo die eigentlichen Probleme in der bildnerischen Auseinandersetzung lagen. […] Man muss zuerst die Form beherrschen. […] Sie mussten anfänglich lernen, mit den einfachsten Dingen umzugehen und daraus eine Bildidee zu entwickeln.“ (Interview mit Andreas T., geführt von Nicole Köhler).
Einen wichtigen Bestandteil des Studiums stellte die Einführung in die sozialistische Kulturpolitik und in die marxistisch-leninistische Ästhetik dar. In jenen Veranstaltungen wurden die spezifischen Wirkungsmöglichkeiten von Kunst im Hinblick auf die „persönlichkeitsbildende Kraft“ (Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“ Dresden, o.J., 5) durch die Begegnung mit den Originalkunstwerken in den Kunstsammlungen von Dresden oder auch durch die Führungstätigkeit in den Kunstausstellungen vermittelt. (vgl. Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“ Dresden, o.J., 5).
Andreas T.: „Meine bildnerische Konzeption beinhaltete, vom Wesen her das bildnerische Denken zu vermitteln. Anhand von [Giorgio] Morandi sollten die Studierenden zum Beispiel möglichst einfach in der Beschränkung der Mittel an die malerische Praxis herangeführt werden. [...]. Die Kunsterziehung war meiner Meinung nach ziemlich kopflastig.“ (Interview mit Andreas T., geführt von Nicole Köhler).
Der Kunsterzieher sollte als aktiver Mitgestalter der sozialistischen und künstlerischen Kultur wirken. Die bildnerisch-praktische Arbeit, die theoretisch-methodisch untermauert wurde, intendierte eine wachsende Selbststeuerung der eigenen künstlerischen Entwicklungsprozesse und das Finden individueller Bildlösungen (vgl. Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“ Dresden, o.J., 7).
Staatlich anerkannte künstlerische Arbeiten sollten i. d. R. in die sozialistisch strukturierte Gesellschaft integrierbar sein, damit den Ansichten der SED bezüglich der Ausgestaltung der DDR entsprochen wurde. Die Kunsterzieher/-innen sollten bei der ‚sozialistischen Jugend‘ ein auf den Vorstellungen der Partei basierendes Kunstverständnis hervorrufen. Die Hochschulen und Universitäten mit dem Fachbereich Kunsterziehung waren angehalten, sowohl mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen hinsichtlich der Methodik, als auch der Kunst- und Gestaltungstheorie, die Ansprüche seitens des Staates an eine ästhetische Erziehung brauchbar zu machen. Die Kunsterziehung der DDR avancierte zu einem einflussreichen Politikfeld, wogegen die kunsterzieherischen Institutionen ankämpften. Sie nahmen diese „staatlichen Vorstellungen einer allseitig durch die Elemente des sozialistischen Realismus künstlerisch geprägten Lebensumwelt“ (Klemm, o.J.) nicht widerstandslos hin.
Andreas T.: „Es war die künstlerische Haltung meiner Kolleg/-innen, die teilweise zu Konflikten führte. Sie lebten noch im Naturalismus mit fast impressionistischen Bildvorstellungen. Dies hielt ich weder für zeitgemäß, noch für vermittelbar. […] Der Forschungswille war bei den Lehrkräften damals teils nicht vorhanden. So wurde meine Arbeit mit den Studenten, sobald sie zu einer anderen Lehrkraft kamen, unterwandert und auch schlichtweg zerstört. Das naturalistische Arbeiten wurde bei denjenigen hochbenotet. Ich dagegen habe in meiner Lehre die elementare Form betont, das Abstrakte, das Expressive.” (Interview mit Andreas T., geführt von Nicole Köhler).
Die Methodik, die Lehre von der praktischen Vermittlung der Bildungsinhalte, sollte einen „Beitrag zur Formung sozialistischer Lehrerpersönlichkeiten“ (Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“, o.J., 37) leisten, sodass die Lehrer/-innen „mit spezifischen Mitteln der Bildenden Kunst und künstlerischen Tätigkeit an der kommunistischen Erziehung“ (Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“, o.J., 37) der Schülerinnen und Schüler mitwirken konnten (Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“, o.J., 37). Problematisch dabei war, die Schüler/-innen auf Werte hin zu orientieren, die der Gesellschaftsordnung eigen waren und sie auf eine bewusste Distanzierung von Wertvorstellungen zu führen, die im Gegensatz zum Sozialismus standen. Die Ziele einer Stunde bestanden etwa darin die „Notwendigkeit des Einsatzes eines jeden für die Erfüllung gesellschaftlicher Aufgaben“ bei den Schüler/-innen auszubilden und diese Pflicht gegen die im Kapitalismus vorherrschende Privatisierung abzugrenzen (vgl. Firlle 1985, 142-144).
Mit dem 4. Semester begann die Einführung in die Methodik und schloss mit dem großen Schulpraktikum im 10. Semester ab. Dieses diente der Erleichterung des Überganges in die volle Berufspraxis durch komplexe Aufgabenstellungen und das kontinuierliche Unterrichten im Fach Kunsterziehung über einen längeren Zeitraum hinweg. In den Studienplänen zur Methodik wurden die Förderung des Kunsterlebens und der „produktive[n] parteiliche[n] Haltung gegenüber Kunstwerken“ (Lehrerprogramm für die Ausbildung von Diplomlehrern der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule in Methodik der Kunsterziehung 1984, 9) betont. Gleichfalls sollten kunstpädagogische Ansätze bildender Künstler, vorzugweise der Renaissance, darunter Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer und Michelangelo, in die Lehre integriert werden. Eine Rolle spielte teilweise auch die kritische Auseinandersetzung mit der Kunsterziehung in der BRD (Lehrerprogramm für die Ausbildung von Diplomlehrern der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule in Methodik der Kunsterziehung 1984, 9).

Fazit
Schlussendlich zeigt sich anhand der individuellen Erlebnisse und den einzelnen Aspekten hinsichtlich der Kulturpolitik, dass diese starken Einfluss auf die Inhalte des Studiums, die Abläufe und die Hochschulorganisation insgesamt hatte. Sowohl Künstler/-innen als auch Pädagog/-innen wurden in ihrer Denkweise und ihrem Handeln eingeschränkt. Zum Ende der 80er–Jahre hin ist zu vermerken, dass die Kunstszene zunehmend von Eigenständigkeit und Individualität erfüllt war. Die Kunst diente zuweilen weiterhin als Beitrag zur sozialistischen Denkweise, wobei sie immer stärker auch für Kritik genutzt wurde. Die kritischen Ansichten der Künstler in einer unfreien Gesellschaft beeinflussten ebenfalls die Ausbildung der Kunsterzieher, die sich vereinzelt von den indoktrinierten Kunstvorstellungen lösten.

Weitere Ausführungen zu Begriffen, dem Studienablauf, der Pädagogischen Hochschule in Dresden und individuellen Erlebnissen von Kunstpädagogen/-innen sind unter folgendem Link http://prezi.com/tvekqenvahem/?utm_campaign=share&utm_medium=copy zu finden.

Literatur

Firlle, Christina: Zu einer Unterrichtskonzeption zur Stoffeinheit 6. Der sozialistische Mensch erforscht und verändert die Natur zum Wohle des Menschen (Bildbeispiel Klasse 7). In: Kühne, Friedrich (Hg.): Kunsterziehung 7/8/85. Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag 1985, S. 142–145.

Goeschen, Ulrike: Vom sozialistischen Realismus zur Kunst im Sozialismus. Die Rezeption der Moderne in Kunst und Kunstwissenschaft der DDR. Berlin: Duncker & Humblot, 2001. S. 44.

Grundmann, Uta: Die DDR-Kunst im Kontext von Geschichte, Politik und Gesellschaft. 2012. http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/autonome-kunst-in-der-ddr/55784/ddr-kunst-im-kontext-von-geschichte-politik-und-gesellschaft? [24.6.2013]

Interview mit Heike K., geführt von Nicole Köhler [02.06.2013].

Interview mit Andreas T., geführt von Nicole Köhler [10.06.2013].

Klemm, Thomas: Zwischen Ambitionen und Scheitern. Die gestaltungstheoretische Forschung der Fachbereiche Kunsterziehung in der DDR. http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/uploads/pdf/klemm.pdf [30.07.2013]

Pädagogische Hochschule „K.F.W. Wander“ Dresden: Sektion Germanistik/Kunsterziehung. Fachkommission Kunsterziehung: 25 Jahre Kunsterzieher- Ausbildung in Dresden. PA Radeberg: Polydruck o. J.

o. V.: Lehrerprogramm für die Ausbildung von Diplomlehrern der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule in Methodik der Kunsterziehung. Potsdam: Wissenschaftlich Technischen Zentrum der Pädagogischen Hochschule Karl Liebknecht 1984, S. 9. Potsdam: Wissenschaftlich Technischen Zentrum der Pädagogischen Hochschule Karl Liebknecht 1984. S. 9-19.

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